Winnenden: 13 Mal Pressekodex verletzt

Montag 1 Juni 2009

In seinen Sitzungen am 19. und 20. Mai hat der Presserat 13 Verstöße gegen den Pressekodex im Rahmen der Winnenden-Berichterstattung geahndet, in den meisten Fällen wurden Ziffer 8 (Persönlichkeitsrechte) und Ziffer 11 (Sensationsberichterstattung) verletzt.

Die meisten Beschwerden richteten sich gegen die Veröffentlichung der abgekürzten Namen und Fotos der Opfer des Amoklaufs (Ziffer 8), wobei der Presserat den besonderen Begleitumständen in einigen Fällen Rechnung getragen hat: So zeigten mehrere Zeitungen und Zeitschriften Bildergalerien der Opfer, vorwiegend als Porträtbilder. Der dezente Umgang in diesen Bildergalerien ohne sensationelle Aufmachung und unangemessene Formulierungen, sondern lediglich mit dem Hinweis, dass es sich im Folgenden um die Opfer des Amoklaufs handelt, hielt der Presserat für mit dem Pressekodex vereinbar.

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Quelle: www.bildblog.de
Der Presserat sprach zwei öffentliche und eine nicht-öffentliche Rüge, fünf Missbilligungen und fünf Hinweise aus. Nach der Tat in Winnenden hatten sich 79 Leser über Beiträge in Print und Online beschwert, in 47 Fällen hatte der Presserat Beschwerdeverfahren eingeleitet. Beanstandet wurde laut „BILDblog“ unter anderem diese Täter-Abbildung in der BILD-Zeitung (rote Unkenntlichmachung durch BILDblog)

Andererseits hat der Presserat Fälle sanktioniert, bei denen Fotos und Namen der Opfer lediglich zur Illustration einer Geschichte benutzt wurden. Hier hätten Redaktionen Opferfotos als sensationelles Element zweckentfremdet, um auf die Story aufmerksam zu machen.

Auch Grafiken und 3D-Animationen seien unangemessen sensationell. Die Fotomontage einer Boulevardzeitung, die den Amoktäter in einem Kampfanzug in heroischer Pose zeigt, wurde genauso gerügt wie eine Grafik, die die Situation in einem Klassenzimmer nachzeichnet. Hier werde der Moment des Tötens einer Person dargestellt. Dies sei, vor allem mit Blick auf die Hinterbliebenen der Opfer, nicht mit Ziffer 11 des Pressekodex vereinbar.

Der Presserat hat sich ebenfalls mit der satirischen Bearbeitung des Amoklaufs befasst – und hält sie in Einzelfällen für vertretbar. Die Auffassungen über guten und schlechten Geschmack seien jedoch bekanntlich sehr unterschiedlich. So habe sich der Presserat zum Prinzip gemacht, keine Bewertungen über Geschmacksfragen abzugeben. In dem beanstandeten Fall erkannte er die Beschwerden für von der Satirefreiheit gedeckt.

Offen bleibt jedoch erst einmal die Entscheidung zu einem Video der letzten Minuten des Amokschützen. Ein mit einem Handy gefilmtes Video, das auf mehreren Internetseiten von Zeitungen und Zeitschriften zu sehen war, zeigt, wie der Amoktäter angeschossen wird, zu Boden fällt und sich dann selber richtet. Erkennbar seien allerdings nur Umrisse, der Zuschauer könne dem Täter nicht ins Gesicht blicken. Infolge unterschiedlicher Einschätzungen durch die beiden Ausschüsse, befasst sich der Presserat am 9. September noch einmal gesondert mit dem Video.

In Winnenden – 20 Kilometer nordöstlich von Stuttgart – kamen am 11. März 16 Menschen an einer Realschule ums Leben. Darunter waren acht Schülerinnen, ein Schüler und drei Lehrerinnen.

Weitere Informationen:
Der Pressekodex des Deutschen Presserats


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